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Mesembrin — Substanzprofil

Mesembrin

2D-Struktur von Mesembrin (C17H23NO3) — Quelle: PubChem CID 394162
2D-Struktur von Mesembrin (C17H23NO3) — Quelle: PubChem CID 394162

Chemie

  • CID: 394162 · PubChem
  • Summenformel: C17H23NO3
  • Molekulargewicht: 293.4 g/mol
  • IUPAC: (3aS,7aS)-3a-(3,4-dimethoxyphenyl)-1-methyl-2,3,4,5,7,7a-hexahydroindol-6-one
  • CAS: 468-53-1

Familie & Pharmakologie

Familie: Sceletium-Alkaloid (trizyklisches Mesembran-Grundgerüst)

Pharmakologische Klasse: Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SRI) und Phosphodiesterase-4-Inhibitor (PDE4-Hemmer). Mesembrin hemmt den Serotonintransporter (SERT) mit einer Potenz, die mit klassischen SSRIs vergleichbar ist, und erhöht so die synaptische Serotonin-Verfügbarkeit. Die gleichzeitige PDE4-Hemmung — die den intrazellulären cAMP-Spiegel erhöht — ist ein mechanistisches Merkmal, das bei herkömmlichen SSRIs nicht vorhanden ist und möglicherweise zu den in präklinischen und klinischen Studien beobachteten anxiolytischen und kognitiven Effekten beiträgt. Mesembrin zeigt bei relevanten Konzentrationen keine Monoaminoxidase-Hemmung.

Natürliche Quelle: Mesembrin ist das primäre Alkaloid in Sceletium tortuosum (Kanna), einer kleinen Sukkulente aus den semi-ariden Regionen Südafrikas, insbesondere der West- und Nordkapprovinz. Die Pflanze enthält mindestens vier Hauptalkaloide (Mesembrin, Mesembrenon, Mesembrenol und Mesembranol); Mesembrin dominiert typischerweise in fermentierten Zubereitungen (sog. Kougoed). Der Gesamtalkaloidgehalt variiert erheblich je nach Chemotyp und Wachstumsbedingungen.

Historischer Kontext

Sceletium tortuosum hat eine der längsten dokumentierten Nutzungsgeschichten unter den psychoaktiven Pflanzen. Der früheste Schriftbeleg stammt von Jan van Riebeeck, dem niederländischen VOC-Kommandanten, der die Kapkolonie gründete und den Kanna-Gebrauch der Khoisan 1662 in seinem Tagebuch festhielt. Spätere kolonialzeitliche Quellen beschreiben Kanna als wertvolles Handelsgut zwischen Khoisan-Gruppen, das bisweilen als Tauschobjekt für Vieh verwendet wurde.

Mesembrin als Alkaloid wurde 1898 erstmals von den deutschen Pharmakologien Bodendorf und Krieger aus getrocknetem Sceletium-Material isoliert. Die vollständige Aufklärung der chemischen Struktur erfolgte in den folgenden Jahrzehnten; das Mesembran-Kohlenstoffgerüst war Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig beschrieben. Der moderne pharmakologische Nachweis des serotonergen Wirkmechanismus wurde in den 1990er Jahren erbracht.

Traditionelle Nutzung

  • Khoisan und frühe südafrikanische Siedler kauten, rauchten oder schnupften fermentiertes Kanna (Kougoed) zur Stimmungsaufhellung, Geselligkeit und Schmerzlinderung
  • Jäger nutzten Kanna, um Hunger und Durst auf langen Wanderungen zu unterdrücken; es wurde auch bei Zahnschmerzen und Darmerkrankungen eingesetzt
  • Kanna diente als wichtiges Handelsgut zwischen Khoisan-Gruppen im gesamten Kap und hatte teilweise hohen Tauschwert
  • Die Fermentierung (Kougoed-Zubereitung) beinhaltete das Eingraben und Fermentieren des Pflanzenmaterials über mehrere Tage, was die Alkaloidverhältnisse verändert — Mesembrenon steigt relativ zu Mesembrin und beeinflusst die Wirkstärke

Moderner Forschungskontext

Das wissenschaftliche Interesse an Mesembrin und Sceletium-Extrakten nahm ab den 2000er Jahren zu. Der kommerzielle Extrakt Zembrin® (ein standardisierter 2:1-Extrakt von Sceletium tortuosum) wurde in mehreren klinischen Studien untersucht. Harvey et al. veröffentlichten 2011 die erste randomisierte kontrollierte Studie am Menschen (J Ethnopharmacol 2011, PMID 22234675) und demonstrierten anxiolytische Wirkungen und verbesserte kognitive Flexibilität bei gesunden Probanden.

Eine nachfolgende randomisierte doppelblinde Crossover-Studie (Nell et al. 2013) zeigte, dass Zembrin die bedrohungsinduzierte Amygdala-Reaktivität bei gesunden Probanden abschwächte — ein Befund, der mit anxiolytischer Aktivität konsistent ist. Der duale SRI+PDE4-Mechanismus unterscheidet Mesembrin von klassischen SSRIs, und der relativ schnelle Wirkungseintritt (Stunden statt Wochen, wie aus qualitativen Nutzerberichten berichtet) ist Gegenstand mechanistischen Interesses.

Sicherheit

Mesembrin und Sceletium-tortuosum-Zubereitungen gelten bei niedrigen bis moderaten Dosen als vergleichsweise sicher. Berichtete Nebenwirkungen umfassen leichte Kopfschmerzen, Übelkeit und anfängliche Sedierung. Das bedeutsamste pharmakologische Wechselwirkungsrisiko besteht mit anderen serotonergen Substanzen: Die gleichzeitige Einnahme von Sceletium-Zubereitungen mit SSRIs, SNRIs oder MAO-Hemmern erhöht das theoretische Risiko eines Serotonin-Syndroms und sollte vermieden werden. Einzelne Fallberichte zu Serotonin-Syndrom mit Kanna sind in der Literatur erschienen.

Sceletium weist kein relevantes kardiovaskuläres oder hepatotoxisches Risikoprofil bei traditionell oder in klinischen Studien verwendeten Dosen auf. Es gilt nicht als klassisch suchtbildend, obwohl Toleranzentwicklung und milde psychologische Abhängigkeit bei regelmäßigem hochdosiertem Gebrauch möglich sind. In Schwangerschaft und Stillzeit mangels Sicherheitsdaten nicht empfohlen.

Rechtslage in Deutschland

Mesembrin und Sceletium tortuosum sind Stand 2026 weder im Betäubungsmittelgesetz (BtMG, Anlagen I–III) noch im Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) erfasst. Die Pflanze, ihre Extrakte und Mesembrin als isoliertes Alkaloid sind in Deutschland legal zu besitzen, zu verkaufen und zu kaufen. Kanna und Sceletium-Extrakte sind in Deutschland und der EU offen im Nahrungsergänzungs- und Botanik-Handel erhältlich.

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