Dieser Artikel ist Teil 6 von 7 unserer Kratom-Reihe und der wissenschaftliche Anker. Den Überblick finden Sie im vollständigen Kratom-Leitfaden.
TL;DR
- Mitragynin ist das Hauptalkaloid (~66 %) und ein partieller μ-Opioid-Rezeptor-Agonist mit GPCR-Bias — ein Signalweg-Profil, das sich von klassischen Opioiden unterscheidet.
- Die WHO-Prüfung 2021 empfahl keine internationale Einstufung von Kratom.
- Grundmann (2017) lieferte mit 8.049 Befragten die bislang größte Nutzerdatenerhebung; Singh et al. (2014) dokumentierten Langzeitnutzung in Malaysia.
- 7-Hydroxymitragynin ist ein Nebenalkaloid, aber deutlich potenter am MOR als Mitragynin.
- Wissenslücken: klinische Langzeitstudien, optimale Dosisbereiche, Interaktionsprofile.
- Die Publikationszahlen steigen seit 2017 kontinuierlich — Kratom ist ein aktives Forschungsfeld.
| Botanischer Name | Mitragyna speciosa (Korthals, 1839) |
| Pflanzenfamilie | Rubiaceae (Rötegewächse / Kaffeefamilie) |
| Herkunft | Südostasien — Thailand, Malaysia, Indonesien (Borneo) |
| Hauptalkaloide | Mitragynin (~66 %), 7-Hydroxymitragynin (~2 %) |
| Erhältliche Formen | Pulver, Kapseln, Flüssigextrakt |
| Rechtsstatus (DE) | Legal — weder im BtMG noch im NpSG gelistet |
Originale botanische Tafel aus Korthals' Erstbeschreibung von Mitragyna speciosa (1839) — die erste wissenschaftliche Klassifikation des Kratom-Baumes.
Dutch Colonial Botanical Survey, Netherlands East Indies · Public Domain
Die Hauptalkaloide von Kratom
Das Blatt von Mitragyna speciosa enthält über 40 identifizierte Alkaloide. Ihre Zusammensetzung bestimmt das pharmakologische Profil einer jeden Zubereitung. Eine detaillierte Profilseite zu Mitragynin finden Sie hier.
Mitragynine
Mitragynin
Primäres Alkaloid, rund 66 % der Alkaloidfraktion im getrockneten Blatt. CAS-Nummer 4098-40-2, PubChem CID 3034396. In-vitro- und Tiermodell-Studien charakterisieren Mitragynin als partiellen Agonisten am μ-Opioid-Rezeptor (MOR) mit GPCR-Bias — das bedeutet, es aktiviert nachgeschaltete Signalwege anders als klassische Opioide (z. B. bevorzugte G-Protein-Aktivierung gegenüber β-Arrestin-Rekrutierung). Dieser Bias wird als möglicher Grund für ein abweichendes Nebenwirkungsprofil diskutiert.
Zusätzlich zeigt Mitragynin in In-vitro-Assays Aktivität an α2-adrenergen Rezeptoren und Serotonin-Rezeptoren (5-HT2A, 5-HT2C). Wichtige Einschränkung: Diese Befunde stammen überwiegend aus In-vitro- und Tierversuchen. Humane klinische Daten sind begrenzt.
7-Hydroxymitragynin (7-OH-M)
Minor-Alkaloid, etwa 2 % der Gesamtalkaloide, aber deutlich potenter am MOR als Mitragynin. 7-OH-M entsteht auch über metabolische Umwandlung aus Mitragynin in vivo (CYP3A4-vermittelt). Das Verhältnis Mitragynin zu 7-OH-M variiert zwischen Zubereitungen und Extrakten und kann ein wesentlicher Bestimmungsfaktor des Wirkprofils sein.
Speciociliatin, Speciogynin, Paynanthein
Sekundäre Alkaloide mit weniger gut untersuchter Pharmakologie. Speciociliatin wirkt möglicherweise als schwacher partieller Opioid-Agonist. Paynanthein und Speciogynin tragen zum komplexen Alkaloid-Fingerabdruck bei, der Kratom von isoliertem Mitragynin unterscheidet — ein Unterschied, der in der pharmakologischen Bewertung oft unterschätzt wird.
Schlüsselstudien
Grundmann 2017 — Die größte Nutzerbefragung
Grundmann, O. (2017). Patterns of kratom use and health impact in the US — results from an online survey. Drug and Alcohol Dependence, 176, 63–70. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2017.01.011
Online-Befragung von 8.049 Kratom-Nutzern in den USA — die bisher umfangreichste selbstberichtete Datensammlung. Zentrale Ergebnisse:
- Mehrheit berichtete Nutzung zur Schmerzbewältigung, Stimmungsunterstützung und Begleitung von Opioid-Entzug.
- Die meisten Befragten gaben milde oder keine Nebenwirkungen an.
- Physische Abhängigkeit wurde von einer Minderheit langfristig-hochdosierender Nutzer berichtet.
Limitierung: selbstberichtete Online-Umfrage, kein klinisches Studiendesign — aber dennoch die wertvollste Bestandsaufnahme realer Nutzungsmuster.
Singh et al. 2014 — Traditionelle Nutzer in Malaysia
Singh, D., Müller, C. P., & Vicknasingam, B. K. (2014). Kratom (Mitragyna speciosa) dependence, withdrawal symptoms and craving in regular users. Drug and Alcohol Dependence, 139, 132–137. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2014.03.017
Studie mit traditionellen Nutzern in Malaysia — relevant, weil diese Personen Kratom teils über Jahrzehnte als kulturelle Praxis konsumieren. Die Autoren dokumentieren, dass Abhängigkeit und Entzugssymptome bei chronischer hochdosierter Nutzung (täglich, über Jahre) auftreten können, die Entzugssymptome jedoch generell weniger ausgeprägt waren als bei klassischen Opioiden.
Vicknasingam et al. 2010 — Ketum als Harm-Reduction
Vicknasingam, B., Narayanan, S., Beng, G. T., & Mansor, S. M. (2010). The informal use of ketum (Mitragyna speciosa) for opioid withdrawal in the northern states of peninsular Malaysia. Journal of Ethnopharmacology, 127(2), 395–399. DOI: 10.1016/j.jep.2009.10.004
Ethnographische Dokumentation des traditionellen Gebrauchs von Kratom-Tee (ketum) zur Bewältigung von Opioid-Entzugssymptomen in Nordmalaysia. Wichtig für das Verständnis des kulturellen und Harm-Reduction-Kontexts, in dem sich ein Großteil der Evidenz herausgebildet hat.
Prozialeck et al. 2012 — Pharmakologischer Review
Prozialeck, W. C., Jivan, J. K., & Bhatt, D. K. (2012). Pharmacology of kratom: an emerging botanical agent with stimulant, analgesic and opioid-like effects. Journal of the American Osteopathic Association, 112(12), 792–799.
Grundlegender pharmakologischer Überblicksartikel zu Alkaloid-Mechanismen, traditioneller Verwendung und offenen klinischen Fragen. Wird häufig als Einstiegsreferenz zitiert.
Kruegel & Grundmann 2018 — Moderne Rezeptor-Charakterisierung
Kruegel, A. C., & Grundmann, O. (2018). The medicinal chemistry and neuropharmacology of kratom: A preliminary discussion of a promising medicinal plant and analysis of its potential for abuse. Neuropharmacology, 134 (Part A), 108–120. DOI: 10.1016/j.neuropharm.2017.08.026
Detaillierte Analyse der Rezeptorpharmakologie, inklusive Diskussion des GPCR-Bias und dessen klinischer Implikationen.
Die WHO-Prüfung 2021: Ein bedeutendes Ergebnis
Das WHO Expert Committee on Drug Dependence (ECDD) führte 2021 auf seiner 44. Sitzung eine Vorprüfung (pre-review) zu Kratom durch. Das Ergebnis:
Das Komitee empfahl, nicht in eine kritische Überprüfung (critical review) überzugehen und Kratom nicht international einzustufen.
Das ist ein bedeutendes wissenschaftspolitisches Ergebnis: Kratom bleibt auf UN-Ebene nicht reguliert, und die deutsche Rechtslage (nicht im BtMG, nicht im NpSG gelistet) ist konsistent mit dieser internationalen Haltung. Mehr zum rechtlichen Kontext in unserem Artikel zur Rechtslage in Deutschland.
Was das nicht bedeutet: Es ist keine Empfehlung oder Freigabe. Die WHO wies ausdrücklich darauf hin, dass mehr Forschung erforderlich ist — insbesondere zu Abhängigkeitspotenzial, vulnerablen Populationen und klinischer Sicherheit.
Aktuelle Forschungslandschaft
Die Anzahl peer-reviewter Publikationen zu Kratom ist zwischen 2017 und 2025 deutlich gestiegen. Zentrale Forschungsgruppen:
- University of Florida (Dr. Oliver Grundmann, Dr. Christopher McCurdy): laufende pharmakologische und klinische Erhebungen.
- Johns Hopkins University (Dr. Albert Garcia-Romeu und Kollegen): Publikationen zu Nutzungsmustern und Abhängigkeit.
- University of Rochester, Columbia University: mechanistische Arbeiten zu GPCR-Bias und Struktur-Wirkungs-Beziehungen.
- Universiti Sains Malaysia (Dr. Darshan Singh): ethnopharmakologische und Langzeitnutzungsstudien.
Was wir noch nicht wissen
Ein ehrlicher Überblick über die Evidenzlücken:
| Bereich | Status |
|---|---|
| Klinische Langzeitstudien am Menschen | weitgehend fehlend |
| Optimale Dosisbereiche für potenzielle Anwendungen | nicht etabliert |
| Interaktionen mit anderen Substanzen (CYP-Interaktionen) | begrenzt untersucht |
| Hepatotoxizität | Fallberichte vorhanden, Kausalität umstritten, selten |
| Sicherheit in Schwangerschaft/Stillzeit | nicht bekannt, Nutzung wird ausdrücklich nicht empfohlen |
| Pharmakokinetik beim Menschen | teilweise charakterisiert, unvollständig |
Die Forschungslage zu Kratom ist aktiv, aber weit von dem entfernt, was man als abgeschlossen bezeichnen könnte. Dies ist der ehrliche Stand.
Zurück zum Leitfaden
- Kratom-Leitfaden (Pillar)
- Kratom Wirkung im Detail
- Kratom Rechtslage Deutschland
- Mitragynin — Substanzprofil
Quellen (vollständig)
- Korthals, P. W. (1839). Observationes de Nauclearum Indicarum. Erstbeschreibung von Mitragyna speciosa, Niederländisch-Indien.
- Prozialeck, W. C., Jivan, J. K., & Bhatt, D. K. (2012). Pharmacology of kratom: an emerging botanical agent with stimulant, analgesic and opioid-like effects. Journal of the American Osteopathic Association, 112(12), 792–799.
- Hassan, Z., Muzaimi, M., Navaratnam, V., et al. (2013). From Kratom to mitragynine and its derivatives: Physiological and behavioural effects related to use, abuse, and addiction. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 37(2), 138–151. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2012.11.012
- Singh, D., Müller, C. P., & Vicknasingam, B. K. (2014). Kratom (Mitragyna speciosa) dependence, withdrawal symptoms and craving in regular users. Drug and Alcohol Dependence, 139, 132–137. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2014.03.017
- Vicknasingam, B., Narayanan, S., Beng, G. T., & Mansor, S. M. (2010). The informal use of ketum (Mitragyna speciosa) for opioid withdrawal in the northern states of peninsular Malaysia. Journal of Ethnopharmacology, 127(2), 395–399. DOI: 10.1016/j.jep.2009.10.004
- Grundmann, O. (2017). Patterns of kratom use and health impact in the US — results from an online survey. Drug and Alcohol Dependence, 176, 63–70. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2017.01.011
- Kruegel, A. C., & Grundmann, O. (2018). The medicinal chemistry and neuropharmacology of kratom. Neuropharmacology, 134(A), 108–120. DOI: 10.1016/j.neuropharm.2017.08.026
- Kruegel, A. C., Uprety, R., Grinnell, S. G., et al. (2019). 7-Hydroxymitragynine is an active metabolite of mitragynine and a key mediator of its analgesic effects. ACS Central Science, 5(6), 992–1001. DOI: 10.1021/acscentsci.9b00141
- WHO Expert Committee on Drug Dependence (2021). 44th Meeting Report — Pre-Review of Kratom (Mitragyna speciosa), Mitragynine and 7-Hydroxymitragynine. Genf: World Health Organization.
- PubChem CID 3034396 (Mitragynine) — National Center for Biotechnology Information, U.S. National Library of Medicine.
- Veltri, C., & Grundmann, O. (2019). Current perspectives on the impact of Kratom use. Substance Abuse and Rehabilitation, 10, 23–31. DOI: 10.2147/SAR.S164261
Letzte Aktualisierung: 2025. Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Die Kratom-Forschung ist aktiv und im Wandel — einzelne Aussagen können durch neue Studien präzisiert oder revidiert werden. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.
Weiterführende Artikel
- Kratom Leitfaden: Das vollständige Pflanzenprofil
- Kratom Wirkung: Alkaloide & Wirkungsmechanismus
- Kratom Rechtslage in Deutschland & Europa 2026
→ Mitragynin Substanzprofil — Chemie & Pharmakologie


