Dieser Artikel ist Teil unseres Kratom-Leitfadens.
TL;DR
- Mitragyna speciosa zeigt je nach Sorte (rote, grüne, weiße Vene) unterschiedliche Wirkprofile, die Nutzer von entspannend bis aktivierend beschreiben.
- Hauptalkaloid Mitragynin ist ein partieller μ-Opioid-Rezeptor-Agonist mit GPCR-Bias und zusätzlicher adrenerger sowie serotonerger Aktivität.
- Der Wirkeintritt liegt typischerweise bei 15–30 Minuten, die Wirkdauer bei 3–5 Stunden, abhängig von Zubereitung und individueller Physiologie.
- Die Dosis-Wirkungs-Beziehung ist nicht linear: niedrige Dosen wirken laut Nutzerberichten tendenziell anregender, höhere Dosen eher sedierend.
- Kratom ist in Deutschland legal (weder im BtMG noch im NpSG gelistet), erfordert aber verantwortungsvollen Umgang — insbesondere keine Kombination mit Opioiden, Alkohol oder ZNS-dämpfenden Medikamenten.
| Botanischer Name | Mitragyna speciosa (Korthals, 1839) |
| Pflanzenfamilie | Rubiaceae (Rötegewächse / Kaffeefamilie) |
| Herkunft | Südostasien — Thailand, Malaysia, Indonesien (Borneo) |
| Hauptalkaloide | Mitragynin (~66 %), 7-Hydroxymitragynin (~2 %) |
| Erhältliche Formen | Pulver, Kapseln, Flüssigextrakt |
| Rechtsstatus (DE) | Legal — weder im BtMG noch im NpSG gelistet |
Kratom-Blatt im Detail — Mitragyna speciosa
Wikimedia Commons · CC BY 3.0
Die drei Haupt-Wirkprofile
Kratom wird traditionell nach der Farbe der Blattvene klassifiziert — rot, grün oder weiß. Diese Einteilung spiegelt Unterschiede im Alkaloidprofil wider, die durch Reifezeitpunkt des Blattes und Trocknungsverfahren entstehen. Die erlebte Wirkung variiert dementsprechend deutlich. Eine ausführliche Übersicht findest du im Spoke-Artikel Kratom-Sorten.
Rote Vene: das entspannende Profil
Nutzer beschreiben rote Kratom-Sorten häufig als körperlich entspannend, beruhigend und abendtauglich. Viele berichten von einer als wohltuend empfundenen körperlichen Schwere ("body-heavy") sowie einer Reduktion von Anspannung. In Umfragen wird rote Vene besonders häufig für den späten Nachmittag oder Abend genannt — als Begleiter für Phasen des Herunterfahrens.
Der Wirkeintritt wird mit rund 20–30 Minuten beschrieben, die subjektive Wirkdauer mit 4–6 Stunden. Das vergleichsweise hohe Verhältnis von 7-Hydroxymitragynin zu Mitragynin in gereiften roten Blättern könnte das entspannende Profil erklären, wenngleich die Studienlage hier noch begrenzt ist.
Mitragynine
Grüne Vene: das ausgewogene Profil
Grüne Sorten gelten in Nutzerberichten als ausgewogenes Mittelprofil zwischen Entspannung und leichter Aktivierung. Typische Beschreibungen umfassen eine dezente Stimmungsaufhellung, soziale Gelöstheit und eine milde, nicht überbordende Wachheit. Grüne Vene wird daher häufig tagsüber eingesetzt, wenn weder ausgeprägte Sedierung noch starke Stimulation gewünscht sind.
Der Wirkeintritt ähnelt dem der roten Vene; die Wirkdauer wird oft als 3–5 Stunden beschrieben.
Weiße Vene: das aktivierende Profil
Weiße Sorten werden am häufigsten als anregend, fokusunterstützend und morgen- bis mittagstauglich beschrieben. Nutzer in Umfragen wie Grundmann (2017) berichten von gesteigerter Wachheit und Konzentration — ein Profil, das häufig mit dem traditionellen Gebrauch als Arbeitsbegleiter in Südostasien in Verbindung gebracht wird.
Weiße Blätter werden früher geerntet, was zu einem anderen Alkaloidverhältnis führt; präklinische Arbeiten legen nahe, dass niedrigere Mitragynin-Dosen stärker adrenerg modulierend wirken könnten.
Extrakte: Intensiveres Profil
Kratom-Extrakte konzentrieren die aktiven Alkaloide — insbesondere Mitragynin — auf ein Vielfaches der im Rohpulver enthaltenen Menge. Nutzer berichten entsprechend von einem schnelleren Wirkeintritt (häufig 10–20 Minuten) und einem intensiveren subjektiven Wirkprofil.
Aufgrund dieser höheren Konzentration sind Extrakte nicht für Einsteiger geeignet. Die Grundregel "start low" gilt hier noch strenger: Die nicht-lineare Dosis-Wirkungs-Kurve bedeutet, dass kleine Mengenunterschiede deutliche Wirkungsunterschiede erzeugen können. Mehr dazu im Spoke Kratom-Extrakte.
Dosis und Wirkung: Die Grundregel
Die Dosis-Wirkungs-Beziehung von Kratom ist biphasisch und nicht linear — ein zentrales pharmakologisches Merkmal, das in der Forschung mehrfach beschrieben wurde (Hassan et al. 2013; Singh et al. 2014).
| Dosisbereich | Berichtetes Wirkprofil |
|---|---|
| Niedrig | Eher anregend, wach, sozial, leicht fokussierend |
| Moderat | Ausgewogen — Mischung aus Wachheit und Entspannung |
| Hoch | Deutlich entspannend, körperlich schwer, sedierend |
Entscheidend ist nicht nur die Menge, sondern auch Set und Setting: individuelle Physiologie, Magenfüllung, Tagesform, emotionale Lage und Umgebung beeinflussen die Wirkung erheblich. Konkrete Grammzahlen sind an dieser Stelle bewusst nicht angegeben, da individuelle Empfindlichkeit stark variiert.
Wie schnell wirkt Kratom?
Der Wirkeintritt hängt wesentlich von der Zubereitungsform ab:
- Pulver-Tee (aufgebrüht): ca. 20–30 Minuten
- Toss & Wash (Pulver mit Wasser): ca. 15–25 Minuten
- Flüssigextrakt: ca. 10–20 Minuten
Die subjektive Wirkdauer wird typischerweise mit 3–5 Stunden angegeben, wobei rote Sorten und Extrakte tendenziell länger nachwirken. Beeinflussende Faktoren sind unter anderem:
- Magenfüllung (leerer Magen → schnellerer Eintritt)
- Individuelle CYP3A4- und CYP2D6-Aktivität (Mitragynin-Metabolismus)
- Hydration und Elektrolythaushalt
- Toleranzentwicklung bei regelmäßigem Gebrauch
Details zu Zubereitungsmethoden findest du im Spoke Kratom-Zubereitung.
Was die Forschung sagt
Die bislang größte Nutzerbefragung stammt von Grundmann (2017), publiziert in Drug and Alcohol Dependence. In dieser Studie wurden 8.049 Kratom-Nutzer zu ihren Gebrauchsmustern und subjektiven Effekten befragt. Zentrale Ergebnisse:
- Die Mehrheit der Befragten berichtete von einer positiv erlebten Stimmungsmodulation.
- Nutzer beschrieben Kratom häufig im Kontext von Alltagsbewältigung, Entspannung und Energie.
- Die Selbstberichte korrespondierten mit den drei klassischen Vene-Profilen (rot / grün / weiß).
Ergänzende Arbeiten von Singh et al. (2014) zu traditionellen malaysischen Nutzern und Vicknasingam et al. (2010) lieferten weitere Daten zu Langzeitgebrauch und Toleranz. Einen umfassenden Überblick bietet unser Spoke Kratom & Forschung sowie der Fachartikel zu Mitragynin.
Sicherheitshinweise
Auch wenn Kratom in Deutschland legal ist und die WHO (2021) in ihrer Pre-Review empfahl, Kratom nicht international zu schedulen, ist ein verantwortungsvoller Umgang essenziell.
Nicht empfohlen in Kombination mit:
- Opioid-Medikamenten (additive μ-Opioid-Rezeptor-Aktivität)
- Alkohol und anderen ZNS-Dämpfern (Benzodiazepine, Gabapentinoide)
- Serotonergen Substanzen (MAO-Hemmer, hochdosierte SSRIs)
- CYP3A4-Inhibitoren oder -Induktoren
Nicht anwenden bei:
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Leber- oder Nierenerkrankungen
- Vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankungen ohne ärztliche Rücksprache
Allgemeine Prinzipien:
- Start low, go slow — insbesondere bei Extrakten.
- Regelmäßige Pausen einlegen, um Toleranzentwicklung zu minimieren.
- Auf Hydration und ausreichende Nahrungsaufnahme achten.
- Bei Unwohlsein Gebrauch einstellen.
Rechtliche Details im Spoke Kratom & Recht in Deutschland.
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Quellen
- Grundmann, O. (2017). Patterns of Kratom use and health impact in the US — Results from an online survey. Drug and Alcohol Dependence, 176, 63–70. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2017.03.007
- Singh, D., Müller, C. P., & Vicknasingam, B. K. (2014). Kratom (Mitragyna speciosa) dependence, withdrawal symptoms and craving in regular users. Drug and Alcohol Dependence, 139, 132–137. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2014.03.017
- Vicknasingam, B., Narayanan, S., Beng, G. T., & Mansor, S. M. (2010). The informal use of ketum (Mitragyna speciosa) for opioid withdrawal in the northern states of peninsular Malaysia. International Journal of Drug Policy, 21(4), 283–288. DOI: 10.1016/j.drugpo.2009.12.003
- Hassan, Z., Muzaimi, M., Navaratnam, V., et al. (2013). From Kratom to mitragynine and its derivatives: Physiological and behavioural effects related to use, abuse, and addiction. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 37(2), 138–151. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2012.11.012
- Kruegel, A. C., & Grundmann, O. (2018). The medicinal chemistry and neuropharmacology of kratom. Neuropharmacology, 134, 108–120. DOI: 10.1016/j.neuropharm.2017.08.026
- World Health Organization (2021). Pre-Review Report: Kratom (Mitragyna speciosa), mitragynine, and 7-hydroxymitragynine. Expert Committee on Drug Dependence, 44th Meeting, Geneva.
Stand: Zuletzt aktualisiert 2025. Dieser Artikel dient ausschließlich der botanischen und ethnopharmakologischen Information. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt keine ärztliche Rücksprache. Kratom ist in Deutschland legal (nicht im BtMG oder NpSG gelistet), wird jedoch nicht zum menschlichen Konsum verkauft.
Weiterführende Artikel
- Kratom Leitfaden: Das vollständige Pflanzenprofil
- Kratom-Sorten: Rot, Grün & Weiß erklärt
- Kratom Zubereitung: Methoden & Best Practices
- Kratom-Forschung: Was die Wissenschaft sagt
→ Mitragynin Substanzprofil — Chemie & Pharmakologie

